Erzählen Sie von einem Misserfolg: So antwortest du ehrlich

Erzähl einen echten Misserfolg, bei dem du selbst Verantwortung trägst, in wenigen Sätzen, und verwende die meiste Zeit darauf, was du daraus gelernt und seitdem anders gemacht hast. Der Misserfolg darf nicht im Kern der neuen Stelle liegen und sollte schon eine Weile zurückliegen.

Warum nach Scheitern gefragt wird

„Erzählen Sie von einem Projekt, das gescheitert ist“ oder „Was war Ihr größter beruflicher Misserfolg?“ In Deutschland ist die Frage lange als unangenehm empfunden worden, in vielen Unternehmen gehört sie inzwischen fest zum Gespräch.

Gefragt wird nicht, um dich vorzuführen. Das Gegenüber will wissen:

  • Ob du überhaupt Dinge versuchst, die schiefgehen können.
  • Ob du Verantwortung übernimmst oder sie weiterreichst.
  • Ob du aus einem Scheitern etwas machst, das beim nächsten Mal hilft.

Misserfolg oder Fehler?

Die beiden Fragen werden oft verwechselt. Ein Fehler ist ein einzelner Moment: eine falsche Zahl, eine vergessene Mail. Ein Misserfolg ist ein Ziel, das du nicht erreicht hast: ein Projekt, das eingestellt wurde, ein Kunde, der gegangen ist, eine Prüfung, die du wiederholen musstest. Für einzelne Fehler gibt es eine eigene Seite: Erzählen Sie von einem Fehler.

Für diese Frage brauchst du also etwas Größeres, bei dem du ein Ziel verfehlt hast.

So wählst du den richtigen Misserfolg

Gut geeignetLieber nicht
Ein Projekt, das nicht wie geplant lief, und du hattest EinflussEtwas, woran nur andere schuld waren
Ein Ziel, das du zu optimistisch geplant hastEin Misserfolg im Kern der neuen Stelle (Bilanzfehler für Buchhaltung)
Eine Prüfung oder ein Abschluss, die du im zweiten Anlauf geschafft hastRechtliche Probleme, Abmahnungen
Etwas, das ein, zwei Jahre zurückliegt und zu dem du eine Veränderung zeigen kannstEtwas von letzter Woche, ohne Abstand
Ein verlorener Kunde oder Auftrag mit klarer Ursache„Ich bin zu perfektionistisch und war deshalb einmal zu spät“

Der Aufbau

  1. Was du erreichen wolltest. Ein Satz.
  2. Was schiefging, und dein Anteil daran. Zwei, drei Sätze, ohne Ausreden. „Ich habe den Aufwand unterschätzt“ ist besser als „Der Kunde hat ständig Änderungen gewollt“.
  3. Was du daraus gelernt hast. Konkret, als Verhaltensänderung.
  4. Ein Beleg, dass es wirkt. Ein späteres Projekt, in dem du es anders gemacht hast.

Teil drei und vier sind zusammen mindestens so lang wie eins und zwei.

Beispielantworten

Ausgedachte Beispiele für den Aufbau.

Produktmanagerin in einer Software-Firma

„Vor zwei Jahren habe ich eine neue Funktion für unsere Buchungssoftware verantwortet, mit der Hotels Zimmerpreise automatisch anpassen sollten. Ich war so überzeugt von der Idee, dass ich nur mit zwei Pilotkunden gesprochen habe, beide große Hotelketten. Nach dem Start hat kaum jemand die Funktion genutzt, weil kleine Pensionen, also die Mehrheit unserer Kunden, ihre Preise gar nicht so oft ändern. Wir haben die Funktion nach einem halben Jahr wieder vereinfacht. Seitdem spreche ich vor jeder größeren Funktion mit mindestens acht Kunden aus verschiedenen Segmenten. Beim nächsten Projekt, einer neuen Rechnungsansicht, haben wir dadurch früh gemerkt, dass Pensionen eine ganz andere Ansicht brauchen.“

Vertriebsmitarbeiter

„In meinem ersten Jahr im Außendienst habe ich mein Umsatzziel um etwa 15 Prozent verfehlt. Ich habe zu viel Zeit bei Bestandskunden verbracht, bei denen ich mich sicher gefühlt habe, und zu wenig neue angesprochen. Im zweiten Jahr habe ich mir jeden Montagvormittag fest für Neukunden geblockt, egal was sonst anlag. Das Ziel habe ich im zweiten Jahr erreicht, und zwei der fünf größten Neukunden kamen aus diesen Montagen.“

Absolvent

„Im Studium bin ich im dritten Semester durch Statistik II gefallen. Ich hatte mich auf alte Klausuren verlassen und die Übungen geschwänzt, weil ich nebenbei 20 Stunden gearbeitet habe. Für den zweiten Versuch habe ich meine Arbeitszeit reduziert und mich einer Lerngruppe angeschlossen, die jede Woche Aufgaben gerechnet hat. Ich habe die Klausur dann mit 2,0 bestanden. Was ich mitgenommen habe: Ich plane Lernzeit wie einen Termin, und das mache ich bei Weiterbildungen bis heute.“

Häufige Fehler

FehlerWie es ankommtBesser
„Mir fällt kein Misserfolg ein.“Unreflektiert oder unehrlichEtwas Echtes, notfalls aus dem Studium
Schuld bei anderenDu übernimmst keine VerantwortungDeinen Anteil zuerst nennen
Ein Misserfolg, der eigentlich ein Erfolg istDurchschaubarEin echtes verfehltes Ziel
Zu viele Details über das ScheiternBleibt als Hauptbild hängenKurz zum Problem, lang zur Lösung
Keine Veränderung danachEs könnte jederzeit wieder passierenKonkretes neues Verhalten plus Beleg

Wie du darüber sprichst

Bei dieser Frage wird die Stimme oft zum eigentlichen Problem. Viele sprechen schneller, lachen verlegen oder relativieren mit „irgendwie“ und „sozusagen“. Das Gegenüber hört dann Unsicherheit, auch wenn die Geschichte gut ist. Sag den Satz, in dem du deinen Anteil benennst, langsam und ohne Füllwort, etwa „Ich habe den Aufwand unterschätzt.“ Danach eine kurze Pause. Ob dir das gelingt, zeigt eine Aufnahme im Antwort-Check.

Die Speaking-Coach-App hat eine Szene, in der du einen Fehler erklärst, und der KI-Gesprächspartner hakt nach, wenn du ausweichst. Danach bekommst du Tipps, die zitieren, was du gesagt hast.

Häufige Fragen

Wie groß darf der Misserfolg sein?

Groß genug, dass er echt ist, aber nicht so groß, dass er Zweifel an deiner Eignung weckt. Ein eingestelltes Projekt ist gut, ein Millionenschaden durch Nachlässigkeit nicht.

Darf ich einen privaten Misserfolg nennen?

Nur, wenn du kaum Berufserfahrung hast, und dann eher aus Studium, Ausbildung oder Ehrenamt. Beziehungen oder Gesundheit gehören nicht ins Gespräch.

Was, wenn ich gekündigt wurde?

Das kann ein Misserfolg sein, muss aber nicht. Wenn die Kündigung betriebsbedingt war, ist es kein gutes Beispiel für diese Frage. Nimm etwas, bei dem du selbst Einfluss hattest.

Wie lange sollte die Antwort dauern?

Etwa 90 Sekunden. Davon mindestens die Hälfte für das, was du daraus gelernt hast.

Sollte ich das Wort „Scheitern“ benutzen?

Wenn das Gegenüber es benutzt, ja. Du musst es nicht beschönigen. „Das Projekt ist gescheitert, und mein Teil daran war …“ klingt souveräner als jede Umschreibung.